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Perspektiven

ROAS lügt nicht. Er erzählt nur die Hälfte

Key Takeaways

Rohmarge zuerst

ROAS 4, 30 % Retourenquote und 35 % Rohmarge ergeben einen Rohertrag von 98 Euro und Werbekosten von 100 Euro. Das Ergebnis ist negativ, bevor Logistik und Overhead berücksichtigt werden. Der ROAS steht weiterhin bei 4.

Breakeven aus Marge

Der Breakeven-ROAS ergibt sich direkt aus der Bruttomarge: 1 geteilt durch die Marge. Bei 40 Prozent Marge liegt er bei 2,5, bei 30 Prozent bei 3,3. Unterhalb dieses Wertes generiert jeder investierte Euro Verlust auf Rohertragsebene.

Von LTV zu Plattform-ROAS

Wer target CAC aus dem LTV ableitet und daraus den Breakeven-ROAS berechnet, verwendet Plattform-ROAS als nachgelagerten Kontrollwert. Wer es umgekehrt tut, optimiert auf Umsatzeffizienz statt auf Profitabilität.

Jeden Montag öffnen tausende Marketing-Teams ihr Dashboard. Der ROAS der Vorwoche steht oben links.

Liegt er über dem Zielwert, ist die Stimmung gut. Liegt er darunter, beginnt die Suche nach dem Fehler. Was niemand in diesem Meeting fragt: Haben wir letzte Woche Geld verdient?

Das Problem

ROAS, Return on Ad Spend, ist die meistzitierte Kennzahl im Paid Media. Die Formel ist einfach: Umsatz geteilt durch Werbeausgaben. Ein ROAS von 4 bedeutet, dass auf jeden investierten Euro vier Euro Umsatz zurückfließen.

Das Problem ist nicht die Formel. Das Problem ist, was sie nicht enthält.

Laut einer Analyse von Statista lagen die durchschnittlichen Retourenquoten im deutschen E-Commerce 2023 zwischen 25 und 50 Prozent, je nach Produktkategorie. Ein ROAS von 4 auf einen Bruttoumsatz von 400 Euro wird bei einer Retourenquote von 30 Prozent zu einem Nettoumsatz von 280 Euro. Die Plattform meldet weiterhin ROAS 4. Die Wirtschaftlichkeit hat sich fundamental verändert.

Dazu kommt die Margenstruktur. Bei einer Rohmarge von 35 Prozent und einem Nettoumsatz von 280 Euro entsteht ein Rohertrag von 98 Euro. Abzüglich der ursprünglichen 100 Euro Werbekosten ergibt sich ein negatives Ergebnis, bevor Logistik, Kundendienst und Overhead berücksichtigt werden. Der ROAS bleibt bei 4. Die Marge ist negativ.

Donut-Chart: Umsatz-Anatomie bei ROAS 4 mit 30 % Retourenquote und 35 % Rohmarge
Abb. 1: ROAS 4: Bruttoumsatz 400 €, Rohertrag 98 €, Werbekosten 100 €. Ergebnis: −2 € vor Logistik und Overhead. Quelle: Eigene Berechnung exnocomm auf Basis branchenüblicher Margenstrukturen; Statista, E-Commerce Retourenquoten Deutschland, 2023.

Die Ursachen

ROAS hat sich als Industriestandard etabliert, weil er ohne zusätzliche Datenintegration verfügbar ist. Meta, Google und TikTok berechnen ihn automatisch aus den Signalen, die ihre Plattformen empfangen. Ein Datenbankabgleich mit der eigenen Buchhaltung findet nicht statt.

Was einfach zu messen ist, wird zur Steuerungsgröße. Das ist kein Fehler einzelner Teams, sondern ein strukturelles Muster in datengetriebenen Organisationen. Die Verhaltensökonomen Daniel Kahneman und Amos Tversky haben beschrieben, wie Menschen systematisch Informationen übergewichten, die leicht verfügbar sind, gegenüber solchen, die tiefere Analyse erfordern. Im Performance Marketing führt diese Verfügbarkeitsheuristik dazu, dass Plattform-ROAS die Entscheidungsgrundlage ersetzt, die er nie sein sollte.

Les Binet und Peter Field haben in ihrer Analyse der IPA Effectiveness Databank gezeigt, dass kurzfristige Aktivierungsmetriken wie ROAS systematisch die langfristige Markenentwicklung untergewichten und zu Budgetentscheidungen führen, die auf Jahressicht profitabel erscheinen, mittelfristig aber Marktanteile kosten. Der Kanal meldet, was er sieht. Was außerhalb seines Sichtfelds liegt, also Retouren, Margen, Wiederkaufsraten, Kundenqualität, erscheint nicht.

Die Lösung

Der Breakeven-ROAS ist die Kennzahl, die vor jeder Kampagnenentscheidung bekannt sein muss. Er ergibt sich direkt aus der Bruttomarge: Bei 40 Prozent Marge liegt der Breakeven bei 2,5. Bei 30 Prozent bei 3,3. Bei 60 Prozent bei 1,7. Unterhalb dieses Wertes verliert die Marke bei jedem Euro Werbeausgabe Rohertrag. Oberhalb beginnt ein positiver Deckungsbeitrag, der weitere Kostenebenen tragen kann.

Die operative Steuerungsgröße, die auf dem Breakeven-ROAS aufbaut, ist der target CAC, der Ziel-Kundenakquisitionspreis. Er ergibt sich aus LTV und Bruttomarge: Wie viel darf ein Neukunde kosten, damit sein Beitrag über die gesamte Kundenbeziehung die Akquisekosten rechtfertigt?

Ein Unternehmen, das seinen target CAC kennt und seinen Breakeven-ROAS berechnet hat, verwendet den Plattform-ROAS als nachgelagerten Kontrollwert, nicht als primäre Steuerungsgröße. Budgetentscheidungen beginnen bei der Einheitsökonomie, nicht beim Dashboard.

Entscheidungshierarchie: LTV, target CAC, Breakeven-ROAS, Plattform-ROAS
Abb. 2: Entscheidungshierarchie im Paid Media: LTV bestimmt den target CAC, dieser den Breakeven-ROAS. Plattform-ROAS ist Kontrollindikator. Quelle: Eigene Darstellung exnocomm; synthetisiert nach Gupta/Lehmann 2005 und Binet/Field, IPA 2013.

Die grüne Wiese

Wer ein Measurement-System von Grund auf aufbaut, beginnt nicht mit dem Dashboard der Plattform. Der Ausgangspunkt ist die Einheitsökonomie: Wie viel Akquise kann sich das Unternehmen pro gewonnenem Kunden leisten?

Aus dieser Frage folgt eine Messhierarchie, die von der Einheitsökonomie nach außen denkt, nicht von der Plattformmetrik nach innen. An erster Stelle steht der LTV, der bestimmt, wie viel für Akquise ausgegeben werden darf. Daraus folgt der target CAC. Daraus folgt der Breakeven-ROAS. Und erst dann folgt der Plattform-ROAS als Indikator dafür, ob die Kampagne innerhalb des definierten Rahmens operiert.

In diesem System ist ROAS eine abgeleitete Kontrollgröße. Kampagnen werden nicht abgeschaltet, weil der ROAS unter einen Zielwert fällt, sondern weil der CAC über einen definierten Schwellenwert steigt, der aus der Einheitsökonomie der Marke abgeleitet ist. Wer ROAS-Ziele setzt, optimiert auf Umsatzeffizienz. Wer target-CAC-Ziele setzt, optimiert auf Profitabilität.

Exnovation

Was exnoviert werden muss, ist nicht ROAS als Kennzahl. Es ist ROAS als Entscheidungsgrundlage.

In den meisten Paid-Media-Organisationen ist ROAS das, was in den wöchentlichen Reportings steht, was in Agentur-Briefings als Zielgröße vereinbart wird und was über Kampagnenbudgets entscheidet. Diese Rolle ist das Problem. Nicht die Zahl selbst.

Der strukturelle Fehler liegt darin, dass Plattformen mit der Reportinghoheit auch die Definitionshoheit über Erfolg übernommen haben. Meta entscheidet, was gemessen wird. Was Meta misst, wird zur Branchensprache. Was Branchensprache wird, wird zur Zielgröße. Wer diesen Standard exnoviert, tauscht ihn nicht gegen eine andere einzelne Kennzahl. Er baut eine Entscheidungsarchitektur, in der Profitabilität von Anfang an die Frage stellt, auf die alle anderen Metriken antworten müssen.

Umsetzung

Die praktische Umsetzung beginnt mit drei Zahlen: Bruttomarge, durchschnittlicher LTV und Retourenquote. Wer diese drei Werte kennt und in ein einfaches Berechnungsmodell überführt, hat seinen Breakeven-ROAS und seinen target CAC. Damit hat er eine Entscheidungsgrundlage, die unabhängig von dem ist, was die Plattform von sich aus berichtet.

Für D2C-Marken, die im Paid Media skalieren wollen, ist das die Grundlage, ohne die Skalierung ein unkontrolliertes Risiko bleibt.

Budget verstärkt, was vorhanden ist. Steht dahinter eine Einheitsökonomie, die auf Profitabilität ausgerichtet ist, beschleunigt Skalierung Wachstum. Steht dahinter ein strukturelles Defizit, beschleunigt dieselbe Skalierung Verlust.

exnocomm arbeitet mit D2C-Marken an genau diesem Fundament: Einheitsökonomien berechnen, Messarchitekturen aufbauen, Kampagnenstrategien auf tatsächliche Profitabilität ausrichten. Nicht auf Plattform-Metriken, die Umsatz mit Erfolg verwechseln.

Quellen

  1. Binet, Les; Field, Peter: The Long and Short of It. Balancing Short and Long-Term Marketing Strategies. Institute of Practitioners in Advertising (IPA), London 2013.
  2. Gupta, Sunil; Lehmann, Donald R.: Managing Customers as Investments. The Strategic Value of Customers in the Long Run. Wharton School Publishing, Philadelphia 2005.
  3. Kahneman, Daniel: Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux, New York 2011.
  4. Meta for Business: About Return on Ad Spend (ROAS). Dokumentation Meta Ads Manager. Abgerufen Juni 2026.
  5. Statista: Retourenquoten im E-Commerce in Deutschland nach Produktkategorie 2023. Hamburg 2023.

Einheitsökonomie berechnen

Das interaktive Modell auf der Grundlagen-Seite zeigt CAC, LTV und COGS im Verhältnis und berechnet, ab welchem Kauf der CAC amortisiert ist.

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